Klimatherapie in Heilklimatischen Kurorten und Luftkurorten Kuren

bei denen Klimafaktoren das natürliche Heilmittel darstellen, werden in Österreich in Luftkurorten oder in heilklimatischen Kurorten durchgeführt. Als Luftkurorte werden solche Kurorte definiert, die ortsgebundene klimatische Faktoren aufweisen, welche die Erhaltung oder Wiedererlangung der Gesundheit fördern, während heilklimatische Kurorte über ortsgebundene klimatische Faktoren verfügen müssen, welche sich bei bestimmten Krankheiten positiv auswirken.

Diese Unterscheidungen existieren auch in anderen Ländern, wie etwa in der Bundesrepublik Deutschland, während in der Schweiz, in der die Klimatherapie eine sehr große Rolle spielt, die Klimakurorte nicht in dieser Art eingeteilt sondern nach verschiedenen Reizstufen klassifiziert werden, wobei allerdings auch von einer Therapie im Klima bzw. von einer Therapie durch das Klima gesprochen wird.

In der neueren wissenschaftlichen bioklimatologischen Literatur werden folgende Faktoren genannt, die allgemein ein therapeutisch nutzbares Klima determinieren:

1.) Ein einwandfreies lufthygienisches Milieu; darauf wurde im vorigen Absatz bereits etwas näher eingegangen.
2.) Eine gute Durchlüftung des Kurbereiches; dies ist vor allem im Zusammenhang mit der Luftreinheit zu sehen, ist aber darüber hinaus auch für die nachfolgend erwähnte Wärmebelastung von Bedeutung.
3.) Freisein von stärkerer Wärmebelastung; als ein Maß dafür kann z.B. die Zahl der Tage mit Wärmebelastung pro Jahr herangezogen werden, sie sollte in einem Luftkurort oder heilklimatischen Kurort unter 25 liegen. Die Wärmebelastung ihrerseits kann durch die Bestimmung der Äquivalenttemperatur (= Lufttemperatur plus zweimal Dampfdruck) abgeschätzt werden. Alle Tage, an denen die Äquivalenttemperatur einen Wert von 49° C überschreitet, gelten als Tage mit Wärmebelastung.
4.) Keine Stagnation feucht-kalter Luftmassen; dieser Faktor steht auch mit der Luftreinheit in Verbindung. Stagnation feucht-kalter Luftmassen tritt u. a. bei typischen Inversionslagen auf, bei denen die bodennahe Luft nicht aufsteigen kann und mit Luftschadstoffen aus Heizungsanlagen und von Autoverkehr angereichert wird. Unabhängig von der höheren Belastung mit Schadstoffen kommt es bei Stagnation feucht-kalter Luftmassen zu einer Häufung von Beschwerden bei chronischen Erkrankungen der Atemwege.
5.) Ausreichende Wald- und Parkanlagen; die Notwendigkeit des Vorhandenseins solcher Anlagen in Klimakurorten muss nicht eigens betont werden. Da Klimatherapie sich im Freien abspielt, müssen auch die für den Aufenthalt im Freien nötigen Einrichtungen zu den u .a. auch die Wald- und Parkanlagen zählen, vorhanden sein.
6.) Dosierungsmöglichkeiten für heilklimatische Wirkungen; es ist von besonderer Bedeutung darauf hinzuweisen, dass Klimatherapie nicht einfach Aufenthalt in einem günstigen Klima bedeutet, sondern dass die Klimafaktoren das natürliche Heilmittel des Klimakurortes darstellen und daher wie alle Heilmittel dosiert werden müssen. Dosierungsmöglichkeiten ergeben sich z.B. durch Ausnützung verschiedener Tageszeiten, Variationen der Expositionsdauer, Ausnützung von Geländeformationen und von verschiedenen Höhenlagen etc.
7.) Die Differenz zwischen Minimal- und Maximaltemperatur soll in der 24-Stundenperiode wenigstens 10° C betragen; auch diese Forderung betrifft die Frage der Dosierung von Klimareizen, da eine solche Dosierung das Vorhandensein von Klimafaktoren (wie z.B. der Lufttemperatur) unterschiedlicher Stärke (also z.B. eine bestimmte tägliche Temperaturdifferenz) voraussetzt.
8.) Eine Mindestsonnenscheindauer von 1500 Stunden pro Jahr;
9.) Weniger als 15 Nebeltage pro Jahr; diese beiden letzterwähnten Punkte beziehen sich vor allem auf die Notwendigkeit im üblichen Zeitraum für eine Kur von 3-4 Wochen auch genügend Tage zur Verfügung zu haben, an denen die Kurpatienten sich bei günstigen klimatischen Verhältnissen im Freien aufhalten können. Darüber hinaus steht das Auftreten von Nebel in Verbindung mit der Stagnation von kalt-feuchten Luftmassen bzw. mit Inversionswetterlagen.

Die angeführten klimatischen Faktoren bzw. Verhältnisse sind auch bestimmend für die Klassifikation des Klimas in einem Luftkurort oder heilklimatischen Kurort und für die sich daraus ergebenden Heilanzeigen und Gegenanzeigen. Allerdings existiert bisher in Österreich keine einheitliche und exakte Klassifizierung der Klimakurorte wie dies etwa in der Schweiz der Fall ist, sondern es wird im Wesentlichen nur zwischen Schonklima und Reizklima unterschieden und bei letzterem noch eine weitere Unterteilung nach der Stärke der Reizfaktoren (z.B. reizmild, leichte Reizfaktoren, starke Reizfaktoren u. dgl.) vorgenommen.

Für das Verständnis der Heilanzeigen von Klimakurorten sind Kenntnisse darüber wichtig, welche Teile oder Funktionen des Organismus durch die Klimareize beeinflusst werden und auf welche Art und Weise dies geschieht wobei den Besonderheiten der kurmässigen Applikation dieser Klimareize spezielles Augenmerk zugewandt werden muss. Im menschlichen Organismus werden in erster Linie das vegetative Nervensystem, das System der Temperaturregulation, das hormonelle System und das Herz-Kreislaufsystem von Klimareizen beeinflusst.

Jeder äußere Reiz der auf den Organismus einwirkt, zwingt diese funktionellen System zur Beantwortung des Reizes, wobei es von der Qualität und Quantität des Reizes abhängt, welches der Systeme bevorzugt reagiert und wie die Art und das Ausmaß der Reaktion beschaffen ist. Dieses Prinzip gilt auch für die verschiedenen Klimareize und ihre Wirkungen auf den Organismus. Zur Erhaltung der optimalen Funktionstüchtigkeit ist eine adäquate Beanspruchung der Funktionen nötig. Das Fehlen einer solchen Funktionsbeanspruchung kann, über längere Zeiträume betrachtet, ebenso zur Funktionsentgleisung führen wie eine dauernde Überbelastung. Dosiert applizierte Klimareize stellen eine adäquate Beanspruchung der eben erwähnten Funktionssysteme dar. Werden sie im Rahmen einer Klimakur wiederholt und gezielt appliziert, so kann dadurch ein Übungseffekt erzielt werden, der eine Verbesserung der Funktionstüchtigkeit zur Folge hat. Dabei spielt zum Teil das Phänomen der physiologischen Adaptation eine Rolle. Wenn nämlich die Funktionen des Organismus durch längere Zeit (z.B. einige Wochen) wiederholt gezielten Reizen ausgesetzt werden, so ändert sich die Art der Reaktionen auf diese Reize. Jene Reaktionen, die für die Auseinandersetzung mit dem betreffenden Reiz weniger Bedeutung haben, also mehr oder minder auch als Begleiterscheinung aufgefasst werden können, werden zunehmend unterdrückt, während jene Reaktionen, die für die Bewältigung der durch den Reiz bedingten Anforderungen wesentlich sind, verstärkt werden. Zusätzlich kann als Effekt der physiologischen Adaption eine so genannte Ökonomisierung der Funktionen in Ruhe auftreten d.h. dass die Funktionen des Organismus unter Ruhebedingungen mit geringerem Aufwand ablaufen. Diese Umstellungen haben zur Folge, dass die Leistungskapazität der Funktionen verbessert wird. So können z.B. jene klimatischen Reize, welche die Thermoregulation des menschlichen Organismus beanspruchen zu einer Art von Training der, mit der Temperaturregulation in Verbindung stehenden Funktionen führen, wodurch der Organismus in die Lage versetzt wird auf Klimareize besser zu reagieren, d.h. es tritt ein Effekt auf, der auch als Abhärtung bezeichnet wird. Solche Effekte, die also auf der Entwicklung von physiologischen Adaptionsvorgängen beruhen, sind zusammen mit Erholungsvorgängen, Entlastung vom üblichen Tagesablauf, den günstigen lufthygienischen Verhältnissen etc., die Grundlage der Wirkung von Kuren in Luftkurorten und heilklimatischen Kurorten.

Prinzipiell kann Klimatherapie entweder in Ruhe, z.B. in Form einer Liegekur, oder in Verbindung mit Muskelarbeit – traditionell als Terrainkur bezeichnet – durchgeführt werden. Klimatherapie in Ruhe erfordert direkt therapeutisch wirksame Klimafaktoren und kommt damit in erster Linie für heilklimatische Kurorte in Frage. Terrainkur hingegen stellen eine, gerade in der heutigen Zeit aktuelle Möglichkeit der Therapie im Klima dar, wie sie in Luftkurorten betrieben werden kann. Der Begriff Terrainkur wurde von Oertel (Über Terrainkuren zur Behandlung von Krankheiten mit Kreislaufstörungen, Verlag Vogel, Leipzig, 1886) geschaffen und bezeichnete ursprünglich das Gehen auf Wegen mit unterschiedlicher Anstiegsteilheit. Heute könnte dieser Begriff weiter gefasst werden und jene Bewegungsarten im Freien umfassen, die in erster Linie auf die extramuskulären Faktoren der Arbeit (Kreislauf, Stoffwechsel etc.) einwirken. Der angestrebte Therapiezweck wird durch länger dauernde Belastung niedriger Intensität oder durch Belastung nach dem Intervallprinzip erreicht. Diese Formen von Terrainkuren eignen sich z. B. besonders gut zum Einsatz im Rahmen von Kurbehandlungen von Patienten mit bestimmten, vor allem aber funktionellen Herz- Kreislauferkrankungen. Von der herkömmlichen Gymnastik im Freien oder in der Halle unterscheidet sich die Terrainkur durch bewusste Ausnützung von Klimareizen, von einem sportlichen Training durch die wesentlich geringere Intensität. Dies bedeutet, dass 3-4 mal/Woche während 20-40 Minuten eine Herzfrequenz von 180 –Alter erreicht werden. Terrainkuren werden sinngemäß als Therapiemittel bei kranken Menschen eingesetzt. Das Vorhandensein und die Klassifizierung von Wegen mit verschiedenen Steilheitsgraden, Weglängen etc. ist zwar eine Voraussetzung für eine ordnungsgemäße Terrainkur, ihre freie Benützung durch die Kurpatienten jedoch nicht als sachgerechte Durchführung der Terrainkur aufzufassen. Wie alle therapeutischen Maßnahmen im Kurort müssen auch Terrainkuren je nach Art und Schweregrad der bestehenden Erkrankung vom Kurarzt verordnet und ihre Durchführung durch geeignetes Personal überwacht werden.

Wie für jede medizinische Behandlung existieren auch für Kuren in Luftkurorten und heilklimatischen Kurorten Heilanzeigen und Gegenanzeigen. Für Luftkurorte werden in Österreich in erster Linie Erholungsbedürftigkeit und Rekonvaleszenz als Heilanzeigen anerkannt. Darüber hinausgehende Heilanzeigen, wie etwa funktionelle Herz – Kreislaufstörungen, Atemwegserkrankungen, vegetative Dysregulationen, Entwicklungsschwäche u. dgl. basieren entweder auch auf der Ausnützung von allgemeinen Erholungseffekten oder treffen für Luftkurorte zu, in denen z.B. die Nutzung unterschiedlicher Höhenlagen für Therapiezwecke möglich ist. Auf jeden Fall treffen diese Heilanzeigen nur für leichte Erkrankungsfälle zu.

Die Heilanzeigen für heilklimatische Kurorte hängen von der Art des jeweils vorhandenen Klimas, bzw. von der Stärke der klimatischen Reizfaktoren ab. Dabei ergeben sich zwischen den einzelnen Reizstärken allerdings keine scharfen Abgrenzungen, sondern fließende Übergänge respektive Überschneidungen.

Für ein Schonklima, das sich in erster Linie in Kurorten in Tallagen bis hin zum Flachland findet, ergeben sich als Heilanzeigen die Rekonvaleszenz, allgemeine Rehabilitation, leichte Herzkrankheiten, frühe Stadien des Bluthochdrucks, das Lungenemphysem, die chronische Bronchitis und verschiedene nervöse Störungen, wie z.B. die Schlaflosigkeit.

Für heilklimatische Kurorte mit reizmildem Klima, wie dies für die Orte in waldreichen Tallagen bis zur Mittelgebirgslage zutrifft, gelten folgende Heilanzeigen: Rehabilitation, funktionelle Herz- und Kreislaufbeschwerden, labiler Bluthochdruck, unspezifische Erkrankungen der Atemwege wie Asthma, chronische Bronchitis, Emphysem etc.

Im Klima mit mäßig starken Reizfaktoren können Kuren zur Rehabilitation bei widerstandsfähigen Rekonvaleszenten, zur Prävention bei Bewegungsmangel (Terrainkur), bei Folgezuständen nach länger dauerndem Stress, bei Hypo- und Hypertonie soweit die Reaktionsfähigkeit der Kreislaufregulation noch erhalten ist, sowie bei Asthma und Bronchitis ohne wesentliche Einschränkung der Lungenfunktion, durchgeführt werden.

Ein mäßig reizstarkes Klima findet sich in Mittelgebirgslagen im Herbst und in noch höher gelegenen Orten auch im Sommer. Schließlich können auch noch Heilanzeigen für Kuren in einem ausgesprochen reizstarken Klima angeführt werden, wie es sich praktisch ausschließlich im Hochgebirge, besonders ausgeprägt in den Herbstmonaten, findet. Diese Heilanzeigen lauten: präventivmedizinische Kuren für widerstandsfähige Patienten, Prävention und Therapie bei Bewegungsmangel, Aufbau und Förderung der funktionellen Leistungsfähigkeit der Atmungs- und Kreislauffunktion, allgemeine Rehabilitation bei Patienten ohne wesentliche Einschränkung der funktionellen Reserven, Herz-Kreislauferkrankungen funktioneller Natur ohne Zeichen der Dekompensation und mit ausreichenden Funktionsreserven, chronische Atemwegserkrankungen wie chronische Bronchitis und Asthma, Unterstützung der Therapie bei bestimmten Formen von Anämie.

Auch die Gegenanzeigen sind von der Art der klimatischen Verhältnisse abhängig. Im Schonklima sind alle jene Zustände und Erkrankungen als Kontraindikationen zu beachten, bei denen eine besondere Schwüleempfindlichkeit besteht. Für die Klimate mit unterschiedlichen Reizstärken hängen die Gegenanzeigen in erster Linie vom Allgemeinzustand des Patienten und dem Zustand seiner funktionellen Reserven ab. Diesbezüglich sind besonders jene Systeme von Bedeutung, welche die Versorgung des Organismus mit Sauerstoff zur Aufgabe haben, also die Atemfunktion, die Herzfunktion und die Kreislauffunktion, sowie die Empfindlichkeit der Zellen und Organe gegenüber einem Sauerstoffmangel sofern es sich um Klimakurorte in größeren Höhen handelt. Für Kuren in diesen Orten können sich Gegenanzeigen auch durch die Verstärkung von Reaktionen auf den höhenbedingten Sauerstoffmangel ergeben, wodurch auch schon in tieferen Lagen bestehende "Überfunktionen" wie Tachycardien, Sympathicotonie, Neigung zur Hyperventilation und dadurch bedingte Alkalosen noch verstärkt werden können.

Daraus ergeben sich im Einzelnen folgende Gegenanzeigen:
Erkrankungen bei denen schon in tieferen Lagen die Gefahr der Sauerstoffmangelversorgung besteht (Koronarsklerose, Sklerose der Hirnarterien, periphere Durchblutungsstörungen auf arteriosklerotischer Grundlage).
Erkrankungen mit erhöhtem Risiko einer mangelhaften Sauerstoffversorgung mit organischer oder funktioneller Ursache (Erkrankungen der Lunge mit Reduktion der Atemvolumina, Ventilationsstörungen, Verteilungs- und Diffusionsstörungen, Herzfehler mit rechts-links Shunt, Herzerkrankungen mit Reduktion der Auswurfsleistung wie z.B. Klappenfehler, Herzinsuffizienz, Gefahr hypertensiver Krisen, Anämien mit eingeschränkter oder fehlender Regenerationsfähigkeit).
Alle jene Zustände und Krankheiten bei denen die Atemfunktion, Herzarbeit oder Zahl der roten Blutkörperchen infolge erheblicher Einschränkung der funktionellen Kompensationsmöglichkeiten bei Gefahr eines Sauerstoffmangels nicht mehr gesteigert werden können (fortgeschrittene pulmonale Hypertonie, Ruhe und Anstrengungsdyspnoe mit deutlicher Steigerung der Atemfrequenz, psychogene Hyperventilation besonders bei Neigung zur Hyperventilationsalkalose, organisch bedingte Ruhetachycardie wie bei Hyperthyreose oder paroxysmaler Tachycardie).

Bei vernünftiger Indikationsstellung, Beachtung der Kontraindikationen und gezieltem Einsatz der Möglichkeiten der Klimatherapie stellen Kuren in Luftkurorten oder heilklimatischen Kurorten eine Bereicherung der Behandlungsmöglichkeiten bei vielen Zivilisationskrankheiten dar.


Foto: Bad Hofgastein Tourismusverband

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