Grundlagen der Wirkung von Kuren

Medizinische Kuren stellen ein traditionelles Verfahren der Ganzheitsmedizin im Gesundheitswesen vieler Länder dar, wobei die Kur immer schon eine sog. Mehrzweckfunktion hatte. Jedes Therapieverfahren beruht auf bestimmten Grundlagen, deren Kenntnis für das Verständnis der Wirkungsprinzipien unabdingbar ist. Ein Fehlen dieser Kenntnisse ist häufig die Ursache für eine ablehnende Haltung von Ärzten gegenüber Kuren.

Die Rolle der Kur im derzeitigen Gesundheitswesen
Die Entwicklung unserer derzeitigen Medizin im Laufe des 20. Jahrhunderts brachte einerseits wesentliche Forschritte in der Diagnostik und Therapie von Krankheiten mit sich, ist aber andererseits auch von einem Wechsel im Krankheitsspektrum gekennzeichnet. Dabei spielen auch die demographische Umschichtung der Altersstruktur und der soziale Wandel in der Industriegesellschaft mit ihrem neuem Verhältnis zur Umwelt eine Rolle. Die im Industriezeitalter zunehmend häufiger in Erscheinung tretenden sogenannten zivilisationsbedingten Erkrankungen sind vor allem durch zwei Eigenheiten charakterisiert.

- durch ihre multifaktorielle Genese, wobei u.a. ein gesundheitsabträgliches Verhalten, ungünstige Umwelteinflüsse, Ernährungsfaktoren etc. ihren Beitrag leisten. Schipperges und Kirschner sprechen in diesem Zusammenhang sehr treffend von den "selbstgemachten Krankheiten".

- durch ihre schleichende Entstehung und Entwicklung sowie ihren chronischen Verlauf. Dies hat zur Folge, dass sich die Betroffenen sowohl in der Phase der Krankheitsentstehung als auch nach Abklingen eines akuten Krankheitsstadiums, für lange Zeit in einem "Graubereich" zwischen einem optimalen Gesundheitszustand und einem manifesten Krankheitsstadium befinden, welches eine stationäre Behandlung nötig macht. Die sich daraus ergebende organisatorische und finanzielle Problematik für unser öffentliches Gesundheitswesen dürfte wohl allgemein bekannt sein. Die moderne Medizin versucht dieser Problematik durch immer größere Anstrengungen auf dem Gebiet der Pharmakotherapie, der Operationstechnik und durch Einführung immer aufwendigerer und kostspieligerer Diagnoseverfahren Herr zu werden, läuft aber auch Gefahr, von einer umfassenden Heilkunde zu einer bloßen Heiltechnik zu degenerieren.

Gewissermaßen als Gegenreaktion auf diese Tendenzen der modernen Medizin, die auch durch eine große Spezialisierung auf einzelne Teilgebiete gekennzeichnet ist, ist der seit einigen Jahren zu beobachtende Trend zur Ganzheitsmedizin aufzufassen. Dieser Trend kommt dem Kurwesen sehr entgegen, weil er durch die Integration verschiedener therapeutischer Maßnahmen charakterisiert ist. Zu diesen Maßnahmen bzw. Angeboten gehören die Balneotherapie mit den verschiedenen Anwendungsformen der natürlichen ortsgebundenen Kurmittel, die Klimatherapie, hydrotherapeutische Verfahren, physikalische Therapie, Elektrotherapie, Strahlentherapie, Bewegungstherapie, Ernährungstherapie, psychologischer Verfahren bis hin zu einer kleinen Psychotherapie, Gesundheitsbildung und Ergotherapie. Die individuell kombinierte Anwendung dieser Verfahren lässt die Kur als systematisierte Allgemeintherapie erscheinen.

Wirkfaktoren der Kur
Wie bereits aus den vorhergehenden Darstellungen hervorgeht, stellen Kuren komplexe Therapieverfahren dar. Das Identifikationsmerkmal der Kur ist jedoch die kurmässige (iterative) Anwendung des natürlichen ortsgebundenen Kurmittels und die sich daraus ergebenden Wirkungen. Grundsätzlich spielen bei der Anwendung der Kurmittel physikalische und chemische Wirkungsfaktoren eine Rolle. Die verschiedenen Wirkungen physikalischer Natur die von einem Bad bzw. dessen Wiederholung ausgehen sind auch als Gegenstand der Forschung auf dem Gebiet der sog. Immersionsphysiologie gut bekannt. Die natürlichen Kurmittel werden jedoch auf Grund ihrer chemischen Inhaltsstoffe definiert und charakterisiert, was sinnvollerweise auch Wirkungen der chemischen Inhaltsstoffe voraussetzt.

Reizparameter
Wie bei allen therapeutischen Verfahren spielt die adäquate Art der Applikationen auch in der Balneologie eine wesentliche Rolle. Die Reizqualität beeinflusst naturgemäß die Spezifität der Adaptation. Zur Reizstärke ist zu bemerken, dass Reize mäßiger Intensität an die der Organismus adaptiert ist, ausreichend sind um ein Absinken des normalen, allgemeinen Adaptationsniveaus zu verhindern, dass solche Reize aber demgemäß nicht ausreichen um einen Adaptationsgewinn zu erzielen. Stärkere Reize die das bestehende individuelle Adaptationsniveau übersteigen, lösen adaptative Reaktionen aus, die gezielt therapeutisch oder zum Zweck der Leistungssteigerung eingesetzt werden können. Extrem starke Reize, die die individuelle Adaptationskapazität überschreiten, können zu systemischem Stress, zu adaptiver Erschöpfung und zur Schädigung des Organismus führen.

Bezüglich der Reizdauer ist zu bemerken, dass mit zunehmender Reizdauer das Phänomen der sog. unspezifischen Mitaktivierung auftritt. Längerdauernde Reize können daher adaptive Reaktionen auf hohen Integrationsstufen im Zentralnervensystem hervorrufen. Mit kurzdauerenden Reizen hingegen werden adaptive Toleranzsteigerungen hervorgerufen, die auf die unteren Integrationsstufen des vegetativen Nervensystems begrenzt bleiben.

Im Hinblick auf das Reizintervall ist zu beachten, dass die Erregbarkeit des autonomen Nervensystems bestimmte rhythmische Schwankungen aufweist, so dass eine Veränderung des Reizintervalls unterschiedliche Reaktionen hervorrufen kann. Dabei unterscheiden sich auch die toleranz- und die kapazitätssteigernde Adaptation in so ferne, als kapazitätssteigernde Adaptationen längere und gleichmäßige Reize benötigen während kurzdauernde Reize besonders günstig für die Entwicklung der Toleranzsteigerung sind.

Die Frage der Gesamtdauer der Reizserie ist vor allem im Zusammenhang damit von Interesse, wie lange gesundheitlich oder leistungsphysiologisch erwünschte adaptive Veränderungen nach dem Ende der Reizserie (wie z.B. Kur oder Training) anhalten. Viele Untersuchungen weisen darauf hin, dass länger dauernde funktionelle Umstellungen sich erst nach Reizserien von mindestens dreiwöchiger Dauer einstellen.

Abschließend zu diesen Erörterungen wäre noch festzuhalten, dass auch vergleichbare Reizparameter zu individuell unterschiedlichen Reaktionen bei verschiedenen Individuen führen können, da Unterschiede im bestehenden Adaptationsniveau und in der Konstitution dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielen. 

Ergebnisse kurmedizinischer Forschung
Kuren werden manchmal als eine Art von Urlaub aufgefasst, was auch mit einer Negierung des therapeutischen Wertes einhergeht. Dieser Auffassung muss entgegengehalten werden, dass es eine langjährige wissenschaftliche Tradition in der Balneologie mit dementsprechenden wissenschaftlichen Untersuchungen und Ergebnissen gibt. Ergänzend dazu soll festgehalten werden, dass die sich die während der Kur ausbildenden und messbaren positiven gesundheitlichen Effekte nicht nur auf den Kurzeitraum beschränken, sondern in typischer Weise auch noch einige Zeit nach dem Ende der Kur anhalten. Diese längerfristigen Kurwirkungen werden auch als Hafteffekt der Kur bezeichnet.

Schlussbemerkungen
Abschließend sollen kurz noch zwei Problemkreise angesprochen werden, die mit dem grundlegenden Verständnis für das Kurwesen in Verbindung stehen. Es handelt sich dabei einerseits um die Frage, welche Faktoren die Durchführung einer Kur bzw. die Anwendung der natürlichen Kurmittel limitieren. Ergänzend dazu soll bemerkt werden, dass die Anerkennung und Beachtung solcher Grenzen den Wert der medizinischen Kur als seriöses Gesundheitsangebot unterstreichen und als klarer Hinweis dafür gewertet werden können, dass Kuren nicht undifferenzierte Erholungsaufenthalte mit Nutzen für jeden Menschen sind.

Mit dem zweiten Problemkreis wird auch die permanente Diskussion über die notwendige Aufenthaltsdauer und über die Sinnhaftigkeit kürzerer Aufenthalte angesprochen. Zu dieser Thematik liegen allerdings bis heute keine Daten vor.

Univ. Prof. Dr. Wolfgang Marktl

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