Definition der ortsgebundenen Heilvorkommen

Die Definition und Klassifizierung der ortsgebundenen natürlichen Heilvorkommen auf naturwissenschaftlicher Grundlage wurde erstmals im Rahmen der so genannten Bad Nauheimer Beschlüsse im Jahr 1912 durchgeführt. Damit wurde für diese Heilmittel, die bis dahin vor allem auf empirischer Basis eingesetzt wurden, eine wissenschaftlich fundierte Einteilung geschaffen, die sich im Wesentlichen seither über 100 Jahre erhalten und bewährt hat.

Auch die in Österreich geltenden gesetzlichen Bestimmungen für die Anerkennung eines natürlichen ortsgebundenen Heilvorkommens aus dem Jahre 1958 gehen auf die Bad Nauheimer Beschlüsse zurück.

Grundsätzlich müssen entsprechend diesen gesetzlichen Bestimmungen für die Anerkennung folgende Erfordernisse erfüllt werden:

1.) der Nachweis einer für die beabsichtigte therapeutische Verwendung hinreichenden Ergiebigkeit;
2.) der Nachweis einer bestimmten spezifischen Beschaffenheit oder das Vorhandensein von pharmakologisch bereits in kleinsten Mengen wirksamen Inhaltsstoffen in bestimmten Mindestmengen;
3.) dass das Quellwasser ohne Änderung seiner natürlichen Zusammensetzung eine wissenschaftlich anerkannte Heilwirkung ausübt oder erwarten lässt.

Die unter Punkt 2 genannten Anforderungen werden im genannten Gesetz noch weiter detailliert. Danach treffen für die Anerkennung als Heilwasser und für dessen Bezeichnung folgende Erfordernisse zu:

a) ein Mindestgehalt von 1 Gramm gelöster fester Stoffe pro 1 l Wasser;
b) eine gleich bleibende Temperatur von mindestens 20° C am Quellaustritt;
c) ein Mindestgehalt an natürlichem, freiem Kohlendioxid am Quellaustritt von 250 mg für Trinkkuren bzw. von 1000 mg für Badekuren, bezogen jeweils auf 1 l Quellwasser;
d) unabhängig von den drei angeführten Erfordernissen, ein Mindestgehalt an einem der folgend angeführten pharmakologisch wirksamen Inhaltsstoffen: Eisen 10 mg/l
Jod 1 mg/l
Titrierbarer zweiwertiger Schwefel 1 mg/l
Radon 3700 Bq/l für Trinkkuren, 370 Bq/l für Badekuren

Der Nachweis einer, für die beabsichtigte Verwendung hinreichenden Ergiebigkeit, hat primär nicht einen medizinischen, sondern einen ökonomischen Aspekt. Diese Anforderung kann allerdings auch damit in Zusammenhang gebracht werden, dass ein Heilwasser für die Anwendung nicht verändert werden darf. Dadurch wird die ursprüngliche Natürlichkeit des Heilwassers erhalten. Eine sehr rigorose Auslegung dieser gesetzlichen Anforderungen erscheint jedoch nur aus historischer Sicht gerechtfertigt. Die Fortschritte in der Bohrtechnik haben dazu geführt, dass Wasser aus großen Tiefen gefördert werden kann. In solchen Tiefen steht das Wasser unter einem hohen Druck und weist eine hohe Temperatur auf. Dadurch werden auch unerwünschte Inhaltsstoffe aus den umgebenden Gesteinsschichten gelöst und dadurch eine mögliche therapeutische Anwendung verhindert. Aus wirtschaftlichen Gründen sollte es daher zulässig sein, solche Inhaltsstoffe selektiv aus dem Wasser zu entfernen. Dabei dürfen allerdings die Wert bestimmenden Inhaltsstoffe nicht beeinflusst werden. Im Übrigen kann darauf hingewiesen werden, dass bestimmte Veränderungen des Heilwassers immer schon durchgeführt wurden, wie dies die Beispiele der Sole und des Thermalwassers zeigen.

Die unter Punkt 2 angeführten Anforderungen betreffen eine bestimmte Beschaffenheit des Heilwassers oder das Vorhandensein spezifisch wirksamer Inhaltsstoffe. Zu diesen Anforderungen gehört eine Mineralisierung im Ausmaß von mehr als 1g/kg Wasser. Das Überschreiten dieser Mineralisierungsgrenze ist die Grundlage der Bezeichnung Mineralwasser und bedeutet gleichzeitig die Anerkennung als Heilwasser. Die relativen Gehalte der einzelnen Inhaltsstoffe sind die Grundlage der so genannten balneochemischen Charakteristik.

Diese Nomenklatur geht von der Massenkonzentration der Inhaltsstoffe aus, berücksichtigt dann die Ionenäquivalentkonzentration und berechnet hierauf für jeden der analysierten Inhaltstoffe den jeweiligen Äquivalentanteil, der in Prozent ausgedrückt wird. In die balneochemische Charakteristik werden dann jene Kationen und Anionen aufgenommen, deren prozentueller Anteil an der Ionenäquivalentkonzentration über 20 % liegt. Diese Vorgangsweise hat an sich keine direkte balneomedizinische Bedeutung, hat sich aber in der Praxis der Heilwasserklassifikation bewährt. Allerdings wird bei der Erstellung der Indikationen auf diese Art der Heilwasserklassifikation zurückgegriffen. Auf diese Weise beruht die Indikationsspezifität der verschiedenen Heilwässer auf der hier beschriebenen Heilwasserklassifikation. Die Heilwasserklassifikation ist aber auch die Grundlage für die Festlegung der Anwendungsformen, welche wieder mit den Indikationen in Verbindung stehen.

Die unter Punkt 2 b genannte Wassertemperatur von mehr als 20oC am Quellaustritt ist die Grundlage für die Bezeichnung Thermalwasser. Diese Bezeichnung geht mit der Anerkennung als Heilvorkommen einher. Thermalwässer können mit unterschiedlichen Temperaturen zutage treten und müssen meistens für die balneotherapeutische Anwendung entweder erwärmt oder abgekühlt werden.

Ein höherer Gehalt an Kohlendioxid im Wasser begründet die Bezeichnung Säuerling. Die unter Punkt 2 d angeführten Inhaltsstoffe sind ebenfalls Grundlagen für spezielle Bezeichnungen von Heilwässern. So werden u. a. Schwefelwässer, eisenhaltige Wässer oder radonhaltige Wässer differenziert. Die im Gesetz aufscheinende pharmakologische Wirksamkeit der Inhaltsstoffe kann zwar im Fall von Trinkkuren eine gewisse Berechtigung beanspruchen, erscheint aber bei Badeanwendungen als nicht unbedingt sinnvoll.

Bei Kohlendioxid und Radon handelt es sich bekanntlich um Gase, die im Wasser gelöst sind, aber auch in der Gasform zur Anwendung gelangen. Da diese Gase in den meisten Fällen gemeinsam mit dem jeweiligen Heilwasser entspringen, werden sie auch im Rahmen der Heilwasseranerkennung abgehandelt.

Eine weitere Gruppe natürlicher ortsgebundener Heilvorkommen sind die Peloide. Unter dem Begriff Peloide werden natürliche anorganische und organische Stoffe bzw. Stoffgemische zusammengefasst, die in Form von Schlamm- oder breiigen Bädern und Packungen therapeutisch verwendet werden. Sie sind durch geologische oder geologisch – biologische Vorgänge entstanden und liegen in der Natur entweder bereits feinkörnig vor oder werden künstlich in diesen Zustand gebracht. Bei der Einteilung der Peloide werden aquatische von terrestrischen Lockersedimenten unterschieden. Terrestrische Lockersedimente werden auch als Heilerden bezeichnet. Es handelt sich dabei um mineralische Verwitterungsprodukte an deren Bildung physikalische und chemische Verwitterungsvorgänge beteiligt sind. Bei der therapeutischen Anwendung von Peloiden stehen die besonderen thermophysikalischen Eigenschaften im Vordergrund. Welche Rolle den chemischen Inhaltsstoffen bei der therapeutischen Wirkung der Peloide zukommt, ist Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion.

In bestimmten Regionen werden auch gesundheitsförderliche Klimafaktoren als natürliche Heilfaktoren anerkannt. Dem trägt der Gesetzgeber Rechnung indem Orte die über ein besonders gesundheitsförderliches Klima verfügen das Prädikat Luftkurort oder heilklimatischer Kurort verliehen bekommen können. Die gesundheitlich positive Wirkung von Klimafaktoren geht von bestimmten Reizen wie Kühle, Wind, intensive Sonnenstrahlung etc. auf den Organismus aus. Dabei spielen jedoch nicht Einzelreize eine Rolle, sondern eine gezielt applizierte Reizserie, die das Wesen der Klimakur ausmacht. Die sich im Laufe der Klimakur einstellenden funktionellen Veränderungen gehorchen dem Gesetz der physiologischen Adaptation. Dabei spielen Elemente der Abhärtung und der Leistungssteigerung eine Rolle.

 

Foto: Paracelsusbad Kurhaus Salzburg

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